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Konzertkritiken


Gießener Anzeiger

Dienstag, 3. Juni 1997

Bruckner-Messe in Maßstäbe setzender Darbietung

"cantus firmus Wetterau" ließ Zweifel aufkommen, ob da tatsächlich nur ein Laienchor am Werk war

Von Christian Rupp

MARBURG. Zugegeben, ein Publikumsmagnet sind Stanford-Motetten nicht gerade. Und auch Bruckners e-Moll Messe wird nicht nur wegen ihrer intonationstechnischen Schwierigkeiten selten aufgeführt. Das ist etwas für echte Fans oder Puristen. Vielleicht lag es daran, daß das Konzert in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien am Sonntagabend so schlecht besucht war, denn eines ist sicher: An der musikalischen Qualität der Aufführung kann es nicht gelegen haben. Im Gegenteil. Das was der "cantus firmus Wetterau" in Zusammenarbeit mit dem Kammerchor Koblenz, dem Purcell-Brass Ensemble Frankfurt und der Freiburger Kammmerharmonie unter der Leitung von Werner Ciba präsentierten, war ein Konzert, das Maßstäbe setzt, an dem sich künftige Aufführungen messen lassen müssen. Ein Konzert der Spitzenklasse.

Die Vorbehalte mögen groß gewesen sein: Da tut sich ein kleiner Laienchor mit einem erst zwei Jahre alten Chor aus Koblenz zusammen, engagiert ein paar Musiker aus Freiburg, komplettiert das Ensemble mit einigen Musiklehrern und Amateurblechbläsern aus Frankfurt und beschließt, Anton Bruckners e-Moll-Messe aufzuführen. Das Ganze soll dann noch klingen wie aus einem Guß und, mit den Motetten op. 38 von Charles Stanford ( 1852 bis 1924) sowie italienischer Instrumentalmusik der Renaissance versehen, ein abendfüllendes Programm ergeben - warum auch nicht?

Doch solch skeptischen Gedanken nachzugehen, blieb dem Pulblikum keine Zeit. Denn schon nach den ersten Takten merkte man, die Ausführenden wußten, auf was sie sich eingelassen hatten und waren perfekt vorbereitet. Der Vortrag der drei Motetten hatte nicht den üblichen Einsing- und Orientierungscharakter, sondern offenbarte pure Qualität. Da ließ kein Vibrato den Klang flimmern, präzise Intonation und extrem sauber gesungene Schlußwendungen ließen Zweifel aufkommen, ob da tatsächlich ein Laienchor am Werk war. Man geriet ins Schwärmen.

Das Mittelschiff der Kirche füllte sich mit Klang, zart und filigran wie die Architektur des Raumes, dessen Akustik nicht gegen den Chor arbeitete, sondern von diesem geschickt genutzt wurde. Wo andere Chöre an der Uberakustik der langen und schmalen, aber hohen Gotteshäuser verzweifeln, modellierte Ciba mit seinen Sängerinnen und Sängern die Töne, nutzte die Kirche als verlängerten Resonanzkörper des Chores, spielte förmlich mit Klang und Raum. Jede Note wurde ausgekostet, entfaltete sich, harmonierte mit dem Ganzen. Erst die vier vom Purcell-Brass-Ensemble vorgetragenen Stükke von Giovanni Gabrieli, Orlando di Lasso und Ludovico Grossi da Viadana, Instrumentalstücke für Blechbläserensemble unterschiedlicher Besetzung, ließen die akustischen Untiefen der Kirche erahnen. Was die kleineren Stücke des Abends versprochen hatten, hielt die Bruckner-Messe. Da stimmte einfach alles. Die insgesamt knapp 60 Sängerinnen und Sänger harmonierten mit den Instrumentalisten, und Ciba sorgte für ein ausgewogenes Verhältnis der Stimmen untereinander. Das Blech zerfetzte nicht den Chor, es sang förmlich mit. Klare Tonvorstellungen des Chores machten nachträgliche Korrekturen unnötig. So entstanden zarte Klanggewebe, die die Kirche auskleideten und man kaum glauben konnte, daß Bruckner die Messe für eine Aufführung im Freien konzipiert hatte. Musikalität, eiserne Disziplin und äußerste Konzentration, gepaart mit den Fähigkeiten eines hochkarätigen Dirigenten (Ciba ist Dozent an der Universität Koblenz-Landau und Rilling-Schüler), mehr kann man sich für ein Konzert nicht wünschen.
 


Rhein-Zeitung Koblenz

02. Juni 1997

Intensität beeindruckte bei der Bruckner-Messe

Kammerchor Koblenz sang in der Basilika

KOBLENZ. Daß sich in Koblenz in den letzten Jahren im Bereich der kammermusikalischen Chormusik Erfreuliches tut, bestätigte ein Konzert des Kammer-Chors Koblenz unter Leitung von Werner Ciba. Verstärkt durch den cantus firmus Wetterau, das Holzbläserensemble der Freiburger Kammerharmonie und das Purcell-Brass-Ensemble Frankfurt gestaltete er in der Basilika St. Kastor unter anderem Anton Bruckners Messe e-Moll Nr. 2. Den Weg zu ihr bahnen sich die Chöre mit drei Motetten des Iren Charles Villiers Stanford, noch zutiefst romantisch wie auch die Messe Bruckners. Schon sie lassen die Qualität der Chöre erkennen, die saubere, disziplinierte Stimmführung und -bildung, die schwebende Leichtigkeit im "Beati quorum via" genauso erlaubt wie präzise Ausarbeitung im reich figurierten "Coelos ascendit hodie".

Die gänzlich unromantische Überleitung zwischen Stanford und Bruckner schafft das Purcell-Brass-Ensemble mit Bläsermusik der Renaissance. Effektvoll gib sich da die sakrale Musik, geschmückt mit instrumenteller Virtuosität, deren Glanz nur unter der Akustik leidet.

Bruckners Werk ist die mittlere seiner drei großen Messen, die am stärksten von und mit dem Chor lebt. Holz- und Blechbläser werden hier nur sparsam akzentuierend eingesetzt - etwa im weitgehend acapella gesungenen, allein im Forte von den nicht immer ganz exakt ansetzenden Hörnern gestützten Kyrie, dessen Entrücktheit Ciba noch verinnerlicht. Wie ein Hauch rahmt das "Kyrie" der Frauenstimmen den nur im "Christe eleison" monumentalen Satz ein. Diese Innigkeit und Zartheit durchzieht auch das dramatischere, in dieser Dramatik dem Credo verwandte Gloria. Behutsamkeit, die sich nun paart mit Wucht im Fortissimo des "Laudamus te", mit Brillanz im fugierten "Amen". Das Credo mit seinen von den Bläsern nachgezeichneten, eigentümlich ostinat auf- und abschwingenden Linien strebt - nach dem beschwörend verdichteten "et incarnatus est" - in steter Steigerung dem strahlenden "et resurrexit" zu. Glaubenskampf, der zur Ruhe findet in den Schlußteilen der Messe, dem knappen Sanctus und dem von Holzbläsern flankierten Agnus Dei. Achtstimmig wie das Kyrie ist es von flehentlicher Intensität im "miserere", das Ciba bewußt nicht zum Aufschrei werden läßt, um im "dona nobis pacem" zur vertrauensvollen Innigkeit des Kyrie zurückzukehren.

Lieselotte Sauer-Kaulbach